ABiTec Forschungsgruppe: Neues aus der Welt der Bettwanzen

Liebe Leserinnen und Leser,

die ABiTec Forschungsgruppe widmet sich seit Jahren der Erforschung von Insekten mit besonderer ökologischer und medizinischer Bedeutung. Ein Schwerpunkt unserer Arbeit liegt auf der Bettwanze (Cimex lectularius) einem Tier, das uns Menschen seit Jahrtausenden begleitet, oft ungebeten, und dessen Biologie noch immer überraschende Geheimnisse birgt.

In jüngster Zeit konnten wir einige neue und faszinierende Erkenntnisse sammeln, die nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für das Verständnis dieser besonderen Mensch-Tier-Beziehung relevant sind. In Kürze werden wir hier ein umfassendes Projekt zur Art Cimex lectularius veröffentlichen. Bleiben Sie gespannt!

Danksagung an unsere Partner

Diese Forschung wäre ohne wertvolle Zusammenarbeit nicht möglich. Ein herzlicher Dank geht an unsere Kooperationspartner für die Bereitstellung von Studienpopulationen, fachlichen Austausch und Unterstützung:

  • CimexStore, Chepstow, UK (Dr. Richard Naylor)

  • Dept. of Ecology, Czech University of Life Science Prague, CZ (Dr. Ondrej Balvin)

  • ORCI, Dar es Salaam, Tansania (Dr. Tewari)

Stellen Sie sich vor: Während unsere Vorfahren in Höhlen Schutz suchten, teilten sie diesen Lebensraum nicht nur mit Fledermäusen, sondern auch mit kleinen, flachen Insekten, die sich vom Blut der Säugetiere ernährten. Die heutige Bettwanze, Cimex lectularius, ist wahrscheinlich aus solchen wildlebenden, fledermausassoziierten Vorfahren hervorgegangen. Sie vollzog einen „Wirtswechsel“ – oder genauer eine „Wirtserweiterung“ – vom Fledermausblut hin zum Menschenblut. Ein evolutionärer Schritt mit weitreichenden Folgen bis in unsere heutigen Betten.

Zwei Welten: „Stadt-“ vs. „Wild“-Wanzen

In unserer Forschung vergleichen wir verschiedene Cimex-Populationen. Man kann sie grob in zwei Gruppen einteilen:

  1. Die „urbanisierten“ Stämme (1): Dazu gehören z.B. der London Lab Strain und der London Field Strain. Diese Wanzen sind an den Menschen als alleinigen Wirt angepasst.

  2. Die „wilden“, fledermausassoziierten Stämme (2): Dazu zählen Populationen aus Fledermausquartieren in Hostejn, Dubá oder Pručka (Tschechien), deren Hauptwirte verschiedene Mausohr-Fledermausarten sind.

Die Unterschiede im Verhalten sind frappierend:

  • Der „Biss“: Setzt man eine „Stadt-Wanze“ auf die Haut, beginnt sie meist sofort mit der Nahrungsaufnahme. Eine „Wild-Wanze“ hingegen versucht zunächst zu fliehen und sucht Deckung, z.B. unter einem Papierstückchen, bevor sie zusticht. Sie ist von Natur aus vorsichtiger.

  • Die „Mahlzeit“: Eine „Stadt-Wanze“ saugt im Schnitt über 10 Minuten lang und verwandelt sich dabei in eine pralle, rote Beere. Eine „Wild-Wanze“ ist deutlich schneller und effizienter: Sie ist nach durchschnittlich unter 5 Minuten schon wieder satt.

  • Die „Schauspielkunst“: Nimmt man eine „Wild-Wanze“ behutsam aus ihrem Behälter, lässt sie sich bei Erschütterung oft einfach fallen und stellt sich tot – eine clevere Verteidigungsstrategie in der freien Natur.

Der Biss und seine Folgen: Unsichtbarer Angriff, verzögerte Reaktion

Interessant ist auch die Reaktion des menschlichen Körpers, die wir dokumentieren konnten:
Der eigentliche Stich ist oft kaum zu spüren – ein kaum merkbarer Piks. Unmittelbar danach ist auf der Haut meist nichts zu sehen, keine Rötung, keine Schwellung.

Die Immunantwort folgt mit Verzögerung: Erst nach ein bis zwei Tagen bilden sich oft stark juckende Quaddeln oder verdickte Knoten, die wochenlang halten können. Die Haut wird rau, und der Juckreiz kann durch Wärme (z.B. beim Duschen) wieder aufflammen. Dies ist ein deutliches Zeichen für eine komplexe, erworbene Immunreaktion auf die injizierten Substanzen im Wanzen-Speichel.

Ein Blick in die Kinderstube: Vermehrung und Entwicklung

Bettwanzen sind in Sachen Fortpflanzung nicht zimperlich. Die Paarung verläuft über das sogenannte traumatische Insemination: Das Männchen durchsticht mit seinem speziellen Begattungsorgan die Körperwand des Weibchens und injiziert die Spermien direkt in die Leibeshöhle. Ein extrem robuster Prozess.

Die Weibchen legen ihre winzigen, weißen Eier (etwa 1 mm groß) in Verstecken ab, oft in Ritzen oder, wie in unseren Zuchten, an Papier. Aus den Eiern schlüpfen durchsichtige Nymphen, die sich über fünf Häutungen zum adulten Tier entwickeln. Nach jeder Häutung benötigen sie eine Blutmahlzeit. In unseren Aufnahmen mit dem Handy-Mikroskop werden diese Lebensstadien – Eier, leere Eihüllen, abgestreifte Nymphenhäute und adulte Tiere – sichtbar und zeigen den faszinierenden Lebenszyklus dieses Insekts.

Ausblick:

Die Welt der Bettwanzen ist ein Musterbeispiel für Anpassung, Widerstandsfähigkeit (Stichwort: Pestizidresistenzen!) und eine komplexe Koevolution mit dem Menschen. Die Unterschiede zwischen wilden und domestizierten Stämmen geben uns wertvolle Hinweise auf die Evolutionsgeschichte dieses Parasiten.

Die ABiTec Forschungsgruppe wird diese spannenden Wege weiterverfolgen. Unser kommendes Projekt wird noch tiefer in die Genetik, das Verhalten und die ökologischen Nischen von Cimex lectularius erforschen.

Bleiben Sie mit uns neugierig!

Herzliche Grüße,
Ihr ABiTec Forschungsteam

Quellen & Inspiriation: Eigene Forschungen sowie Beobachtungen aus Kooperationen, u.a. dokumentiert in Publikationen wie der „Gunneraque“ (Ausgabe 16, Dezember 2024).